Rußland, den 28. XII 1941
28. Dezember 2011
Posteinlauf am 21. XII.: Brief vom 10. XI. und vom 13. XI., 2 Kuchenpäckchen u. das Päckchen mit Kerzen etc.
Posteinlauf am 25. XII.: Brief vom 21. XI. (Nr. 2, wo ist Nr. 1?), 2 Päckchen mit Plätzchen u. Rasierzeug etc. Außerdem ein Päckchen von Onkel Hübschmann und von den 20ern.
Wie Ihr seht, ist die Post gerade rechtzeitig eingetroffen. Recht vielen Dank, vor allem für die Päckchen. Die Sachen waren ja alle prima und haben auch bei meinen Kameraden Anklang gefunden. Habe ein sehr schönes Weihnachten verlebt. Und zwar habe ich es mit vier Kameraden in Orel gefeiert. War schon einige Tage vor Weihnachten dort und hatte ein ganz nettes Quartier. Mußte aber wieder zur Abteilung fahren, ließ aber einen Kameraden im Quartier zurück, da mein Bestreben war, Weihnachten in Orel zu feiern. Habe zur Zeit nämlich wieder die Verpflegung da mein Vorgänger ins Lazaret kam und pendel so ständig zwischen Abt. und V. Amt hin und her. Hatte die ganze Zeit Ruhe von diesem Geschäft und bin daher auch jetzt nicht entzückt. Gebe es auch in einigen Tagen wieder auf. Hatte schon Krach mit dem Alten deswegen.
Am 24. in der Frühe fuhr ich von der Abt. wieder weg nach Orel, ca. 80 km. Ein Sauweg. Den ganzen Tag vorher herrschte ein Schneesturm einfach grausam. Da ist natürlich alles verweht, der Schnee selbst liegt nämlich gar nicht so hoch. Kam um 6 Uhr in’s Quartier zurück. In der Zimmerecke stand bereits ein prima Weihnachtsbaum, den der zurückgebliebene Kamerad besorgt hatte. Die Russen hatten den Baum geputzt. Ich mußte sehr staunen, daß die Russen den Weihnachtsbaum überhaupt kennen. Wie ich mich nachher noch bei vielen anderen russischen Familien überzeugen konnte, setzt jede Familie ihren Stolz in einen möglichst schönen Weihnachtsbaum, wenn auch das Fest, wenigstens nach außen hin, kein rein christliches mehr ist. – Kerzen waren auch schon vorhanden, konnte aber trotzdem die Euren auch noch gebrauchen. Haben die Kerzen am hl. Abend und an den zwei Feiertagen angebrannt und jeweils die Kerzen ganz niederbrennen lassen. Dauerte immer ca. 1½ Stunden. Tranken beim Kerzenschimmer starken Bohnenkaffee (mit kond. Milch), dazu Kuchen und Plätzchen usw. War ganz feierlich. Überhaupt gelebt haben wir wie im tiefsten Frieden. Am hl. Abend hatten wir zwei Hühner als Festessen. Außerdem gab es aber noch Schinkenwurst, weiße Stadtwurst (heiß), Käse, Butter, Likör u. Cognac, Zwetschgenschnaps. Einfach Alles was das Herz begehrt. Das ging die ganzen Feiertage so weiter. Am ersten Feiertag holte ich mir noch 10 Fl. Weißwein vom V. Amt. Da war der Laden fertig. Der Weißwein gehörte zur Tagesunterhaltung und abends gab es Tee mit Cognac und Grog. Als ich mich in’s Bett legte war ich ja nicht mehr ganz nüchtern. In der Frühe hatte ich bei der Feldpost meine restlichen Päckchen geholt. Da war natürlich die Stimmung die ganzen Feiertage sehr gehoben.
Die Hauptsache war aber die wichtige Feiertagsruhe, die ja nicht allen Kameraden beschert war. Aber in unserem Abschnitt herrschte so ziemlich Ruhe. Unsere Abt. hat es auch verdient und zu einer fröhlichen Weihnachtsfeier hatten wir auch besonderen Grund. Kurze Zeit vorher ist uns der A…. hochgegangen. Es genügt wenn ich Euch sage, daß ich nur mehr das habe was ich am Leib trage. Sonst ist alles fort. Foto, Uhr, Bücher, etliche Filme, 50 Weihnachtszigarren @ 30 Pf., 50 Österr. Virginia (sollten für Vater sein) und sonst viele andere Sachen. Vergnügt sich jetzt der Russe damit. War mit einer kleinen Gruppe auf Sicherung, wurden eingeschlossen, merkten garnichts davon, die Abt. ist bereits weit weg. Bis wir die Lage erfassen, wird es zu spät, müssen unser leichtes Gepäck stehen lassen, Beine über die Achseln nehmen und uns zu den Unserigen durchschlagen und hatten keine Ahnung wo sie sind.
Ist ja auch noch gut abgegangen, wenn es auch nicht schön ist, durchbrennen zu müssen. Es waren halt zuviele. Vater wird sich vorstellen können, wenn ich sage, mit schwerem und leichtem Geschütz auf 500 m, 400 m in direktem Beschuß mitten rein in die russische Infanterie, wo Mann neben Mann und in dichter Reihe kommt. Da fliegen die Fetzen. Die Kerle legen sich aber nicht hin. Die eine Welle ist vernichtet, die toten Russen schichten sich zu Bergen, aber immer neue Massen kommen. An Menschenmaterial unserer kleinen Abt. 10 und 20 fach überlegen. Dazu der den Russen beliebte Nachtangriff. Alles spielte sich in unserem Städtchen ab, wo dazu aus jedem Haus die Partisanen schoßen. Aber büßen mußten sie es. Und die Rache kommt auch noch, wie sie ausfällt, erleben die Russen ja noch.
Von Walter bekam ich auch einen Brief. Er wollte Euch Holländer Zigarren schicken. Laßt sie bald an mich abgehen.
Da fällt mir gerade der Tee ein. Kann Euch momentan nichts schicken. Haben auch die Russen. Hier gibt es wenig Tee, und russischen Tee, wie Ihr es meint gibt es nicht, man versteht darunter nur die Zubereitung im Samowar.
Im Übrigen schreibt da Irmgard von ihrer Meldung zum Osteinsatz. Ich mußte mich gleich hinsetzen. Soll bloß nicht so doof sein und dieses Abenteuer sein lassen. Wenn ich zu Hause wäre würde ich ihre hintere Breitseite bearbeiten. Solche Gedanken zum Osteinsatz nach Rußland. Sollen sich die höheren Töchter und BDM Führerinnen melden, damit auch mal die schönen Abhandlungen in der Zeitung einen Hauch Wahrheit bekommen. Es steht nur meistens zu viel dummes Gequassel darin. Wenn wir quasseln wollten liefen die Russen auch nicht, scheinbar aber wenn’s die gewissen Heimatfrontler tun.
Was gibt es Neues bei Euch? Hoffentlich kommt bald wieder ein Brief. Nochmals vielen Dank für Eure lieben Weihnachtspäckchen.
Die herzlichsten Grüße sendet Euch
Euer
Sohn u. Bruder
Hans
Auf Grund der Bilder von Irmgard soll ich Grüße von meinen Kameraden ausrichten.
