Rußland, den 1. Nov. 1941

1. November 2011

Liebe Eltern u. Irmgard!

Vor drei Tagen erhielt ich Euren Brief vom 10.9., die Karte vom 2.9. und die Tafel Schokolade von Walter. Außerdem kam ein Päckchen von Annie. Nachdem Euer vorletzter Brief vom 25.8. war, hättet Ihr den ganzen September nicht geschrieben. Das kann doch nicht gut stimmen. Na vielleicht kommt noch etwas nach.

Anscheinend wurde Vaters Geburtstag ganz nett gefeiert. Aber von einer Flasche Likör kann man doch gar nicht bei vier Teilnehmern. Die Karte führt aber zu dieser Vermutung. Irmgard schreibt die Adresse nicht so schwungvoll wie im normalen Zustand und Vater kritzelt auch blos. Schöne Zustände.

Seit kurzer Zeit liegen wir in Ruhe, durch das Wetter bedingt. Quartier haben wir haben wir in einem Städtchen, d. h. ein größeres, dreckiges Bauernnest. Auf der Straße versinkt man im Dreck. Wenn man noch kein Dach überm Kopf bräuchte, würde man die Hütten gar nicht betreten. Alles voll Wanzen, Läusen u. Flöhe. Solange wir im Freien schliefen, kannten wir das Zeug nicht. Aber jetzt sind diese Jagden schon zur täglichen Unterhaltung geworden.

Dieses lange Herumliegen ist aber auch nicht schön. Es wird zu langweilig. Nur gut, daß es in den nächsten Tagen wieder weiter geht, sonst verlieren wir unseren großen Haufen noch. Wenn Ihr im Radio hört “Gruppe Guderian” , dann wißt Ihr Bescheid. Mit ihm sind wir schon Kreuz und quer durch Rußland. Erst Richtung Moskau, dann Kiew, nun wieder Moskau. Eine ganz schöne Reise. Diesmal geht es schneller als wie in Polen oder Frankreich. Diesmal gehts in wenigen Tagen von einem Ende zum Anderen.

Bin gespannt, ob Ihr tatsächlich nach Bamberg seid. Vielleicht habt Ihr meinen Säbel von Tante Lisl mitgenommen. Ich hoffe wenigstens. Was wollt Ihr denn in Zückshut ergattern! Schweinereien kann ich mir nicht gut vorstellen. Und Kartoffeln gibt es doch in Nbg. genug.

Seid Ihr bei dem Fliegerangriff auf Nbg überhaupt zu Hause gewesen? Das interessiert mich jetzt am meisten. Wo sind die Bomben hingefallen? Gebt bald einen Bericht.

Gesund bin ich immer noch, ist doch klar. Sonst könnt ich doch nicht schreiben oder wenigstens nicht so oft.

Von wegen “selber kommen” und “mittrinken” wird es nichts. Weihnachtsfeier in Rußland heißt es heuer, wenn wir überhaupt Zeit für solche Gedanken haben.

Übrigens sind jetzt wieder kg-Päckchen zugelassen. Also umgehend eines fertigmachen. 1 Fl. Haarwasser, 1 Rasierpinsel, aber einen guten. Darf ruhig 10 RM kosten, das Geld schicke ich später. Keinen so steifen, sonst nehm ich lieber einen Rasierbesen, geht dann genau so gut. Einen kleinen Spiegel brauch ich auch noch. 2 kleine Tabakspfeifen, da ich ja doch gleich eine wieder verliere und Spielkarten. Das wäre mein Wunschzettel. Ein Seifenschälchen hätte ich fast vergessen. Also, vielleicht könnt Ihr alles auftreiben.

Da ich nun nichts mehr weiß und auch keinen  Wunsch mehr habe für heute Schluß.

Die herzlichsten Grüße sendet Euch
Euer Sohn u. Bruder
Hans

Ihr habt mir noch kein einziges Päckchen bestätigt und habe schon so viele abgesandt. Was ist los? Noch nichts erhalten.

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