Schweinsberg, den 21.XII.39

21. Dezember 2009

Habe gestern ein Päckchen an Euch abgesandt. Tragt die inliegenden Negative gleich zu Aumeier. Sie soll die auf dem Papierstreifen angegebenen Abzüge machen. Den Betrag für die Abzüge überweise ich sofort nach Erhalt der Bilder. Die Abzüge wie das immer in chamois.

Außerdem sandte ich die Uhr wieder zurück. Der Uhrmacher soll sie nochmals kostenlos nachsehen. Ich habe die Uhr noch nicht getragen, sondern nur mal aufgezogen. Sie läuft aber nicht. Vielleicht braucht sie nur einen Tropfen Öl. Der „Künstler“ soll seine Arbeit gleich richtig machen.

Neues gibt es nichts. Urlaub erst recht nicht. Nur ein kleiner Teil Verheirateter darf wegfahren. Von Anni erhielt ich ein prima Weihnachtspäckchen mit Wodka. Wenn Irmgard nach Cham fährt, soll sie den Bohnenkaffee nicht vergessen. Ich schicke Euch Neuen aus England.

Am Montag hatten wir Weihnachtsfeier. Diese war sehr nett. An Unterhaltung fehlte es nicht. Sogar eine Girl-Truppe ist aufgetreten. Leider waren waren es aber männliche Wesen. Es gab ein prima Essen, Freibier und 4 Mark pro Kopf.

Der Oberzahlmeister ist auf Urlaub. Und ich halte meinen solange er fort ist. Das heißt, ich bleibe in der Frühe solange liegen wie es mir gefällt. Dafür darf ich dann abends umso länger arbeiten.

Vor den Feiertagen wird es uns schon angst. Da gibt’s bestimmt eine Menge Tote vor lauter Langweiligkeit.

Schreibt mir bald, was bei Euch los ist. Fahrt Ihr jetzt nach Rüdisbronn. Richtet Grüße von mir aus. Ein Langenfelder ist auch beim Stab. Kennen tu ich den Burschen noch nicht. Habe es nur aus den Papieren gesehen. Es ist anscheinend so ein neuer Ersatzhengst, die wir erst hier bekommen haben.

Nun laßt auch bald was hören. Es wünscht Euch eine fröhliche Weihnacht
Euer Sohn
Hans

Von den drei Wachen habe ich nur eine geschoben, die anderen beiden sind in der Kälte eingefroren.

Schweinsberg, den 4.XI.1939

4. November 2009

hitler_platz_warschau

Liebe Eltern!

Habe Euch gestern bereits eine Karte von hier gesandt. Muß Euch nun heute Näheres mitteilen.

In der Nacht vom 31. auf 1. wurden wir in der Nähe von Warschau verladen und nach nicht ganz 2 Tagen Bahnfahrt wurden wir Marburg an der Lahn wieder ausgeladen. Wir waren aber nur als Vorkommando mit einer Schwadron verladen worden. Von Marburg ging es dann nach Schweinsberg.

Hier kam dann auch die „erfreuliche“ Nachricht, daß daß nur 1⁄3 der Mannschaften Urlaub erhält und vor allem Verheiratete zu bevorzugen sind. Beim Stab haben wir sowieso 2⁄3 verh. Reservisten, also aus mit dem Urlaubstraum.

Aber hier lasse ich es mir erstrecht nicht schlecht gehen. Heute fuhr mein Chef, der Zahlmeister nach Hause. Wer mich die nächsten Tage vor 10 Uhr wecken will, bekommt meine Stiefel an den Kopf. Ich habe hier mit einem Kameraden ein großes Zimmer, fließend kalt und warmes Wasser, Dampfheizung, also Ia. Es sind sehr freundliche Leute. War jetzt schon alle Tage zum Essen eingeladen (Mittag, Abend, Kaffee!).

Jetzt etwas Wichtig. Schicke morgen 3 große schwere Pakete weg.

Gebrauchsanweisung

Paket Nr. 1 – äußeres Kennzeichen: sehr lang. Nicht öffnen! Enthält Säbel u. Seitengewehr. Ihr könnt es anschauen, aber wieder gut verpacken und nicht ein Stück rausnehmen, wenn auch doppelte dabei sind.

Paket Nr. 2 – Beim Schütteln meerdisches Glucksen hörbar. Nicht zusehr schütteln, da Inhalt Glas und daher leicht zerbrechlich. In diesem Fall bringen ausnahmsweise Scherben Unglück. Kann geöffnet werden. Weinkeller anlegen aber zwecklos. Es kann so lange getrunken werden, bis Ihr das Wort „Freundschaft“ hört. Dann sofort stop. Im übrigen sind prima Tröpfchen dabei. Die kleine grüne Flasche ist nur für Mutter. Eine kleine Flasche hebt für mich auf. Es ist alles requiriert.

Inhaltsverzeichnis:

2 Fl. St. Georges 1915
1 „    Tokajer
1 „    Cognac
1 „    Renaissance (f. Mutter)
1 „    Polska Zytniowka (guter Wodka)
1 „    Zytnia Perta              „           „
1 „    Wodka 55 %
1 „    „           45 %

Paket Nr. 3: Kennzeichen: groß und sehr schwer, stinkt nach Bohnenkaffee. Oben liegen 2 Unterhosen und 1 Hemd. Diese 3 Sachen sofort mit Feldpost zurücksenden. Habe es nur reingetan, damit der Carton ausgefüllt ist. Inhaltsverzeichnis:

1 versiegeltes Päckchen
1 Bll Handtuchstoff
1 Unterhose
2 Paar Strümpfe
3 Seitengewehre
1 Morgenrock
1 Garnitur Unterwäsche
1 Wärmeflasche
1 Schachtel Munition
1 „ Zigaretten Papier
1 Handgranate
1 Töpfchen (nicht für die Nacht)
1 Paar Handschuhe
1 Schachtel mit Armband
1 Bild
1 Schachtel mit Filme
1 „ „      PostAnsichtskarten
1 „ „      „Gschlamp“
1 g Carton mit 5 Pakete Kernseife
3 Schachteln Feinseife
2 „ Rasierseife
6 Gabeln „echt Eisen“
1 Dose Tee
1 Kappel
½ Pfd. Kakao
5 x 250 g Bohnenkaffee
2 x 200 g rote Packung
1 x 100 g
8 x 100 g weiße „

Wenn Ihr den Carton öffnet, müßt Ihr bei meiner Aufstellung von unten anfangen. Nun die Verteilung:

Für Mutter Bohnenkaffee, Tee, Kakao, Seifen. Wenn Du nun die viele Seife u. den Kaffee siehst, nicht gleich die Verteilung anfangen. Es ist von den besten Sachen, die ich in Warschau kaufte. Das kg Kaffe kostet 10 RM, bis auf die weißen Päckchen, wo es 6 RM kostet. Wenn ich etwas merken sollte, wenn ich ja mal heimkomme, mußte blechen und so bekommst du es gratis. Außer Du hast für Irmi ½ Pfd. übrig, kannst Ihr eines schicken. Auf meine Rechnung. Aus dem Stoff kannst Du Küchentücher machen, soviel ist er wert. Requiriert. Ebenso Wärmeflasche (hat mein Bäuchlein auch schon gewärmt), Gabeln, Töpfchen (war zum Wegwerfen zu schade, wenn’s auch nichts wert ist. Kochst in Zukunft halt Dein Fleisch für Mittag drin.)

2. Akt

1 Unterhose, 2 paar Strümpfe für Vater oder Walter. Es sind requirierte Sachen und habe sie bestimmt überflüssig. Rasierseife für Vater, bis hierher sehe ich den 8 Tage alten Bart.

3. Akt

Für Schwester: 1 Morgenrock, weil sie früh immer halbnackt rumspringt. Wenn Du auch hübsch bist, Dein „Bobo“ ist zu rund wie alle Dumbskys-Ä…… Nehm Dir ein Besipiel an meinem, der ist normal. Eine Garnitur Unterwäsche, was warmes für den Winter. Seide ist in Warschau viel zu teuer. In der kleinen Schachtel ist ein Armband, als Andenken an Warschau. Alles ist gekauft. Nichts geklaut, sondern sauer verdient. Hast Du übrigens die Schokolade erhalten. Stoff keiner aufzutreiben. Darum verehre ich Dir diese Sachen.

Letzter Akt

Für meine Wenigkeit ist aufzuheben:

3 Seitengewehre, das versiegelte Päckchen, 1 Schachtel Munition, 1 Schachtel Zig. Papier (wenn Ihr für das Sch…häuschen was braucht, könnt Ihr welches rausnehmen), 1 Handgranate (habe sie bereits unschädlich gemacht; 1 Bild (das polnische National Heiligtum mit den vielen Greuelmärchen), 1 Schachtel Kleinkram, 1 Koppel, 1 paar Handschuhe.

Verwalter ist der Vater. Es is alles genau gezählt. Nichts verziehen. Vor allem die Bilder. Vielleicht sind sie recht schmutzig wenn ich heimkomme. Einmal angeschaut, dann weggegschloßen. Fremden geht das Zeugs nicht an. Vor allem gilt das für Irmgard! Und ein paar prima Handschuhe. Nur für mich. Bloß nicht tragen. Sonst gibts schweres Artilleriefeuer wenn ich ja mal heimkommen sollte. Das heißt, es hört sich so an. Vater weiß Bescheid und kann Euch warnen.

Die Pakete kommen unfrei. Das Porto könnt Ihr schon bezahlen. 1 Schachtel mit Filmen liegt bei. Wie gewohnt behandeln. Ihr könnt sie mir hier an meine Privatadresse schicken. Geht es schneller. Allerdings Porto. Ebenso liegt meine Armbanduhr bei. Laßt sie bitte reparieren. Das Armband zeigt bitte auch mal dem Uhrmacher. Diese gelben Flecken gefallen mir nicht. Schickt Sie umgehend zurück an Privatadresse, da ich sie dringend brauche. Das Geld legt vorerst aus, da ich erst wieder Schätze ansammeln muß.

Schon lange erhielt ich keinen Brief mehr, außer einer Karte vom 24.X. Habt Ihr meine Kaffeesendung (200 g) nicht erhalten. Antwortet mir umgehend in einem langen Brief. Ich mach jetzt Schluß. 5½ Seiten ist zuviel. Ich kann sonst bald Bücher schreiben. Also los. Umgehend einen Brief an meine Adresse:

H. Z. z. Zt. Schweinsberg/Kr. Marburg (Lahn) Gasthof Post (Porto!)
Herzliche Grüße sendet Euch
Euer
Hans
„Servus“

Jetzt sauf ich auch ein Glas Wein, weils Sonntag ist. Prost Freundschaft.

Vater bekommt ein Feldpostpäckchen.

Warschau, den 29.X.39

29. Oktober 2009

Pohost

Liebe Eltern!

Möchte Euch nur mitteilen, daß ich gestern 200 g Bohnenkaffee an Euch absandte. Zuhause bekommt Ihr ja doch keinen. Ich habe hier ja noch mehr eingekauft, schicke in aber nicht, da ich nicht sicher weiß, ob er tatsächlich heimkommt. Ab 1.XI. sind zwar Päckchen bis 1000 g erlaubt, ich traue aber nicht ganz. Ebenso habe ich Seife und auch für Irmgard etwas, aber keinen Stoff. Ich hatte mich zwar umgeschaut, konnte aber keinen Stoff auftreiben. Habe aber noch einige Tage Zeit, sodaß ich eventuell noch Glück haben kann. Bringe dann das Zeug persönlich nach Hause.

Donnerstag geht es hier ab. Wir kommen nun doch nicht gleich an die Westfront, sondern machen erst eine Pause. Wahrscheinlich Gegend Marburg – Gießen (Lahn!). Und von dort soll es Urlaub geben. Mutter kann einstweilen schon Kartoffel zu für die rohen Klöße reiben. Müßt dann eben mal einen Braten aus Pferdefleisch machen, wenn es kein anderes gibt. Ich glaube, hier in Warschau bekommt man in den Restaurants auch öfter Hunde- und Katzenfleisch als Braten, denn ich kann mir nicht vorstellen, wo das viele Fleisch herkommt. Die Metzger haben immer ziemlich Fleisch aushängen. Nur an den Bäckereien stehen die Leute noch Schlange. Ebenso verschiedene andere Lebensmittel. Aber sonst ver- verläufts das Leben ganz normal. Es wird schon wieder eifrig alles in Stand gesetzt. Vor allem sind die Eisenbahnen zum großen Teil schon wieder in Betrieb.

Von Anni ist gestern ein Päckchen gekommen. Sie hat mich auch für den Urlaub nach dort eingeladen. Vielleicht gehe ich auch einen Tag nach Cham.

Nun haltet den Daumen, damit ich bald auf Urlaub fahren kann.

Herzliche Grüße sendet Euch
Euer
Hans

Warschau, den 24.X.39

24. Oktober 2009

Warschau_1939

Liebe Eltern u. Irmgard!

Habe ja bereits gestern einige Zeilen an Euch abgesandt. Es handelt sich wegen des Stoffes den Irmgard will. Ich kann hier in Warschau nur einkaufen, wenn ich eine Bescheinigung der Division habe. Diese für solche Sachen zu erlangen ist sehr schwer. Muß eben schauen, daß ich irgendwo mal etwas finde

Ich wollte aber nur fragen, ob Ihr evtl. Seife brauchen könnt. Diese gibt es ja bei Euch auch nur auf Bezugsscheine. Wenn Ihr gute Kern- bzw. Toiletteseife benötigt, dann schreibt mir umgehend Bescheid.

Neues kann ich Euch heute nicht berichten. War heute mal in der Festung von Warschau. Vollständig zusammengeschossen. Riesige Waffenlager sind dort. Es war ganz interessant. Wollte mir eine Pistole suchen, war aber keine mehr zu finden. Habe mir einige andere Andenken mitgenommen. Wenn nur das mitschleppen nicht immer so schwierig wäre.

Laßt bald wieder von Euch hören.

Es grüßt Euch herzlich
Euer
Hans
Gute Nacht. Es ist bereits 12ºº.

Warschau, den 23.X.39

23. Oktober 2009

Arbeitsbuch

Liebe Eltern u. Irmgard!

Heute habe ich die 2. Sendung Filme erhalten. Ich hatte ja nur einmal 6 Filme bestellt, aber es ist schon recht so. Jetzt habe ich wenigstens genug Vorrat. Das Geld schicke ich bei Gelegenheit. Aber schickt mir bitte keine bzw. nicht mehr soviel Bonbons. Es ist ja sehr nett, aber ich darf ja vorerst überhaupt keine Süßigkeiten mehr essen. Es ist mir ja eigentlich noch mehr verboten, aber Bonbons kann ich am leichtesten entbehren. Habe seit mehr als 3 Wochen den Durchfall. Bier zu trinken ist mir eigentlich auch untersagt, aber flüssiges Brot gehört zum täglichen Bedarf. – Jetzt aber noch eine Bitte. Bei Aumeier könntet Ihr noch um eine Anzahl solcher kleiner Bildermäppchen bitten. Außerdem würde mich der neue Voigtländer-Haupt-Katalog interessieren. Aumeier hat ihn sicher. Ich sah nämlich in Warschau einige Modelle. Es würde mich daher die Preise interessieren, ob es dieselben sind wie in Deutschland. Wenn ich heim komme, werde ich mir wahrscheinlich einen kaufen. Kann Irmgard oder Walter meinen alten Foto haben. Mit dem Stoff will ich mal sehen was es wird. Kann allerdings nichts sicheres versprechen, da ich solche Sachen auch nur mit Bescheinigung einkaufen kann. Will mal versuchen. – Ist Walter schon zu Hause? Nächsten Sonntag geht es wahrscheinlich gegen Sonnenuntergang, und wenn wir rüberkommen, wird die Sonne diesen Herren auch nicht mehr aufgehen. Habe jetzt eine ganz schöne Zeit. Bin fast den ganzen Tag in Warschau und lasse es mir da sehr gut gehen. Bloß das Sauwetter verdirbt einem die Lust zum Spazierengehen. Von Aumeier noch einen Fototresor besorgen (für Negative, wie ich schon einen zu Hause habe). Geld kommt alles noch. Herzliche Grüße sendet Euch

Euer
Hans

Abs. Soldat H. Zimmer
Feldpostnummer 17139
Postsammelstelle
Groß Wartenberg
Nürnberg

Warschau, den 21.X.1939

21. Oktober 2009

DSCN3858

Liebe Eltern u. Irmgard!

Habe Eure Briefe vom 9.10., 12.10., die Zeitungen und die beiden Päckchen erhalten. Sogar ein Brief vom 25.9. ist schon vor 2 Tagen gekommen.

Daß die Bilder nicht alle gelungen sind, konnte ich mir ja denken, da ich die meisten Aufnahmen während der Fahrt vom Auto aus machte. Ich habe aber vor ungefähr 14 Tagen nochmals 2 oder 3 Filme aufgegeben, wo ich die Schachtel Zigaretten mit beilegte. Habt Ihr dieses Päckchen noch nicht erhalten. Diese Aufnahmen interessieren mich besonders, da sie alle von Warschau sind und ein großer Teil auch von der Parade vor dem Führer aufgenommen sind.

Habt Ihr den meinen Brief nicht erhalten, wo ich von unserem Vormarsch und von Warschau schrieb. Ich habe es doch ausführlich geschildert. Vielleicht ist der Brief in der Zwischenzeit doch eingetroffen.

Was macht denn Mutter so oft in Rüdisbronn. Kinder warten? Erhielt vor einigen Tagen 2 Päckchen mit Kuchen aus R. Die Sau war anscheinend noch nicht geschlachtet. In Warschau kommt jetzt so langsam wieder der Betrieb in Restaurants und Hotels in Schwung. Das heißt, soweit sie eben noch brauchbar sind. Aber es rührt sich was in Warschau. Ich wollte, wir könnten noch 4 Wochen hierbleiben. Mein Geld würde mir bestimmt nicht mehr schimmlig. So eine Millionenstadt ist doch etwas anderes als so ein Städtchen wie Nürnberg.

Aber nun packen wir so langsam die Koffer. Wir werden hier abgelöst und kommen an die Westfront. Ob wir einige Tage Aufenthalt in Deutschland haben, ist noch fraglich. Ich bin gespannt, als was ich dort üben wieder eingeteilt werde. Werden ja sehen. Hoffentlich bekomm ich mal so eine Anzahl Britischer Löwen vor die Spritze. Dann geht’s auf zur Löwenjagd im Dschungel zwischen Westwall und Maginot-Linie.

Was Wichtiges aus Warschau muß ich vermerken. In den Hotels etc. bekommt man jetzt zu essen was man will und soviel man will. Bin fast jeden Mittag und Abend in Warschau und laß es mir gut schmecken. Vom Gansessen habe ich ja an jeden von Euch Karten gesandt, damit sich niemand beschweren kann.

Am 18.10. habe ich 40 Mark aufgegeben. M 7.20 sind für die neuen Filme, RM 5.60 für die Aufnahmen, RM 7.80 für Irmgard um die Alben zu kaufen. Macht zusammen M 20.60. Den Rest könnt Ihr für Euch verbrauchen.

Herzliche Grüße sendet Euch
Euer
Hans

Pferde sind mit!
Aufklärungs-Abt!

Warschau, den 8.X.39

8. Oktober 2009

warszawa_1939

Liebe Eltern u. liebe Irmgard!

Endlich finde ich wieder Zeit, ein paar Zeilen an Euch zu richten. Ich hatte während des Marsches fast gar keine Zeit zum Schreiben und auch während der letzten Tage, wo wir nun in Warschau liegen, war ich den ganzen Tag beschäftigt.

In diesem Krieg war ich nun schon auf fast allen Gebieten tätig. Erst ungefähr 14 Tage Front. Dann wurde ich vom Verpflegungsoffizier angefordert und abgestellt. Und da hatte ich bzw. wir Gott sei Dank immer Glück. Denn da waren wir oft zwischen zwei Fronten. Aber dies muß ich später mal persönlich erzählen. Jedenfalls bin ich froh, daß diese Arbeit für mich erledigt ist. Und seit der Krieg im Osten beendigt ist, bin ich auf der Zahlmeisterei.

Was die Verpflegung betrifft, ist es uns bestimmt nicht schlecht ergangen und geht uns jetzt auch noch gut. Fleisch darf man sagen, war bald zuviel. Außerdem hat man sich immer noch selbst zusätzlich verpflegt. Wenn da so ein Göckerchen oder ein Huhn das Leben hat lassen müssen, war es eben auch nicht zu ändern. Wenn wir irgendwie in ein so verlassenes Nest in’s Quartier kamen, wurden diese guten Dingerchen gekocht und gebraten. Und wehe dem Schwein, das zu neugierig in der Weltgeschichte umherspazierte. Es mußte einen Kochkursus auf der Feldküche mitmachen. Oder hat Mutter schon mal eine Gans am Spies gebraten. Müßt Ihr mal probieren. Und zu all dem eine gute Flasche Wein (Marke „Freundschaft“) oder etliche Gläschen Likör. Alles Prima. Da durften dann gleich darauf die Kugeln wieder Pfeifen, wir haben uns darauf verlassen, daß die meisten nur ein Loch in Luft schossen. Bloß Artilleriefeuer wenn mal kam, das war schon unangenehmer. Die Granaten sollte es halt nicht zerreißen, dann wäre auch die Aussicht in den Himmel zu kommen viel geringer. Nun ja, jetzt ist es wenigstens vorläufig mal vorbei.

Wie steht die Sache im Westen? Ich glaube, daß wir hier nur das Nötigste hören. Ich glaube ja nicht, daß wir schon bis Weihnachten zu Hause sind. Es wäre ja ganz schön, das Weihnachtsfest im Frieden feiern zu können. Aber der Herr Engländer, das alte Schwein. Hoffentlich bekommt der diesmal noch das Dach voll, daß ihm die Spucke wegbleibt. Da würde ich nochmal mit Freuden mitmachen. Ich würde London nur das selbe Schicksal wie Warschau wünschen. Dann hätten diese Herren die Nase voll, vielleicht die Hose schon vorher.

Ihr solltet Warschau bloß mal sehen können. Es ist ja schade um diese Stadt, aber die Polen wollten es ja nicht anders. Vater weiß ja, wie so eine zerschossene Stadt aussieht.

Er hat ja davon mehr gesehen als ich. Aber von dieser Millionenstadt könnt Ihr Euch wohl kaum ein Bild machen. Kein ganzes Haus mehr. Ganze Straßenzüge und -viertel vollständig zusammengeschlagen. Alles nur mehr ein großer Schutthaufen. Arbeit der Flieger zumeist. Die Wirkung der Fliegerbomben ist ja schlimmer als wie das Feuer der Artillerie. Da ist ein Luftschutzkeller zwecklos gewesen, das der Schutt meterhoch darüber liegt. Und dieser Leichengestank der unter den Trümmern liegenden Toten. Unausstehlich. Warschau war in eine richtiggehende Festung verwandelt worden. Barrikade neben Barrikade. Schützengräben und Drahtverhaue. Alles innerhalb der Stadt. Bestausgebaute M. G. Nester und Artilleriestellungen. Die Stadt war von unzähligen Verteidigungsringen geteilt. Wenn der eine Ring ausgefallen wäre, war einige 100 m zurück ein neuer. Ohne Flieger und schwerste Artillerie wäre Warschau uneinnehmbar gewesen. In den Vorstädten fanden schon furchtbare Straßenkämpfe statt. Wie wäre das erst innerhalb der Stadt geworden. Auf jeder freien Grünanlage und Rondell stehen die Kreuze massenhaft. Das meiste gefallene Soldaten. Und diese Lebensmittelnot. Die meisten Läden haben geschlossen, weil die Ware fehlt. Wo noch etwas ist, stehen Schlangen von Menschen und Polizisten muß Pfosten stehn, da es sonst zu Mord und Totschlag käme. Ich glaube, daß den größten Teil der Versorgung mit Lebensmittel die NSP übernommen hat. Überall sind Stellen zur Ausgabe eingerichtet. Aber merkwürdig, den Frauen der besseren Schicht merkt man nichts an vom Krieg. Die spazieren durch die Straßen, angemalt wie so ein Indianer auf Kriegspfad. Und wenn sie nichts zum Fressen haben und uns um Brot anbetteln, angemalt sind sie vom Kopf bis zur kleinen Fußzehe. Im Gegensatz zur Arbeiterschicht Not und Elend. Die Armen kommen daher, an einem Fuß einen Strumpf und Schuh. Der andere Fuß barfuß. Die Kinder kein ganzes Kleidungsstück, nur in Lumpen gehüllt. Wir sahen Leute, die von den Pferden, die oft schon länger als 8 Tage herumlagen, das ganze Hinterteil wegschnitten. Wir machen einen großen Bogen herum, denn der Geruch zwingt einen zum kotzen, und diese Leute fressen das Fleisch.

Ein Quartier haben wir ja sehr schön. Wohl das beste von ganz Warschau. Allerdings ohne Wasser und Licht. Es liegt auf der Pferderennbahn. Die Häuser sind alle unbeschädigt und alles Neubauten. Die Rennbahn dicht daneben bzw. die Bauten sind ja auch in Fetzen.

Wie geht es nun bei Euch zu Hause? Wo ist Walter? Habt Ihr keine Adresse? Vom Hans kam neulich ein Päckchen. Ebenso vom Michel aus Hallstadt. Eure Päckchen ließ ich mir ja auch schmecken. Gebrauchen kann ich ja eigentlich nichts. Nur zwei Schachteln Zigarillos wären mir sehr angenehm. Aber nur „Die leichte Bruns“. Keine anderen. Rauche eben eine davon. Man muß sparsam damit umgehn. Merke erst durch die Zigarre, daß heute Sonntag sein könnte. Denn einen Sonntag kannten wir schon lange nicht mehr. Heute das erste mal, daß es etwas ähnliches wie Sonntag ist. Gewöhnlich ist es uns erst immer erst drei Tage später, wenn einer zufällig in seinem Taschenkalender blätterte, aufgefallen, daß Sonntag war. Auf meine Filme möchte ich nochmals aufmerksam machen. Erstens Irmgard schickt mir sofort 5 Voigtländer. Zweitens Vater behandelt meine nach Gebrauchsanweisung. Vor Gebrauch braucht aber nicht geschüttelt zu werden. Wer von den Zwanzigern ist denn eingerückt und wohin. Was ist mit Hübschmann los. Hans hat mir geschrieben, daß er zum Aufbau im Osten abgestellt wird. Kann er gleich nach Warschau kommen, muß aber mit mindestens 3 Jahren rechnen. Was geht sonst vor. Zimmer’s Kurt und Walter. Was machen die Beiden? Oder sind beide als unabkömmlich reklamiert. Walter weil die Firma Danler die Käsetransporte (Hart- und Weichkäse) an die Ostfront hat. Wenn ich auch nicht auf eine baldige Rückkehr hoffe, so freu ich mich doch, wenn wir mal wieder im Tucher oder einer anderen Spelunke eine Bayrische trinken können. Das hat uns ja oft gefehlt. Jetzt gibt es ja welches, aber keines wie bei uns. Aber in der Not säuft der Soldat gelbes Wasser.

Letzter Akt!

Mein Brief ist heute nun 5½ Seiten und einer Adresse zu lang geworden. Jetzt seid Ihr wieder dran. Eine Karte gilt nicht. Laßt bald was hören. Aber etwas mehr wie sonst. Wenn Euch Tinte oder Bleistift ausgegangen ist, schicke ich Euch einen Bezugsschein.

Für heute grüßt Euch herzlich
Euer
Hans
Stadtkommandant a. D.
von Warszawa

P. S. Soeben ist Post gekommen und zwar der Brief von Irmgard vom 2.X. Daß Irma verlobt ist, habe ich bereits durch mein Nachrichtenbüro erfahren. Grüße Sie wieder. Der Brief mit den 2 Mark ist noch nicht eingelaufen. Ist wahrscheinlich in Kriegsgefangenschaft geraten und zu Tode gefoltert bzw. gesoffen. Im übrigen was nützen einem Großkapitalisten 2 Mark oder momentan überhaupt Geld. Da kommt Ihr nicht mehr mit. Was? Hat Irmgard überhaupt mein Geld erhalten. Habe vor ungefähr 8 Tagen 10 RM und vor 5 Tagen 6.- RM aufgegeben. Empfang sofort bestätigen. Mutter braucht nicht lange auf der Karte nach meinem Aufenthalt zu suchen. Siehe Unterschrift. Das Negerdorf liegt an der Weichsel und die Weichsel fließt durch Sand. Gut geht es mir auch noch. Hinten sogar zu gut. Infolgedessen versuche ich alle Tage den Weltrekord über 200 m zu brechen. Muß aber immer bei 180 m abstoppen, weil da eine sogenannte Latrine steht. Diese Woche bringt wenig Neues, weil die Engländer immer vernünftig sind, vielmehr glauben sie, vernünftig zu sein.

An Papa!

Äpfel kaufen ist nicht richtig und nicht kaufmännisch. Man verdient mehr dabei, wenn man diese bereits hübsch in Kisten verpackt aus dem Keller holt und auf Autos verlädt. Die Äpfel kosten dann nichts und der Transport ist ebenfalls gratis. Abgesehen, daß gemauste höheren Nährwert haben und besser schmecken. Abgesehen davon, wenn Du mir davon mal einen Stück Apfelkuchen schickst, habe ich nichts dagegen. Was gibts in R. Neues?

Hans

Warschau, 7.X.39

7. Oktober 2009

Deutsches Reich

Lieber Vater!

Vor einigen Tagen habe ich 6 Filme abgeschickt. Es sind alles Aufnahmen aus Polen. Es darf nur je 1 Abzug gemacht werden. Trage die Filme zu Aumeier und mache es sehr eilig, damit er sich besonders mit den Abzügen schickt. Sämtliche Aufnahmen und Negative sind dann an meine Feldpostnummer zu senden. Auch Negative, die nichts geworden sind, brauche ich wieder. Es werden ja einige dabei sein, da ich die Aufnahmen bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten machte. Mache Aumeier auf den Film besonders aufmerksam, der in weißem Papier eingewickelt ist. Nur in der Dunkelkammer Papier entfernen. Ich glaube sowieso schon, daß Licht reingekommen ist. Beim Zurückschicken, keine Aufnahme zu Hause behalten, damit ich nicht reinfalle. Heute gehen wieder 3 Filme ab. Zusammen mit den anderen wieder zurücksenden. Gut verpacken. Aber bitte. Alles sehr eilig. Für Deine Bemühungen vielen Dank. Es grüßt Dich herzlichst

Dein Sohn Hans

Gruß an Mutter u. Irmgard

Hoffe, daß ich morgen einen Brief schreiben kann

Zum Geburtstag

13. September 2009

glückwunsch

Zum Geburtstag sendet Dir die besten Glückwünsche

Dein Sohn

Hans

Soeben war der Führer hier.

5.9.1939

5. September 2009

Hans_Zimer

Liebe Eltern!

Finde nun endlich wieder mal Zeit, einige Zeilen zu schreiben. Bis jetzt geht es mir noch ganz gut. Es ist alles in Ordnung. In der Nacht vom 31.8. auf 1.9. waren wir in Ausgangsstellung gegangen.

In der Frühe ging es dann über die Grenze. Zuerst stießen wir auf wenig Wiederstand, zumal noch Infanterie vor uns war. Jetzt sind wir meistens an der Spitze. Da ist es schon etwas unangenehmer. Die Nacht vom 1. auf 2.9. werde ich ja nie vergessen, als wir die Grenze vor 1918 überschritten und den russisch-polnischen Boden betraten. Seinerzeit waren wir auf alles gefaßt, blos auf nichts Gutes. Wir waren während der Nacht dauernd unter Feuer. Unsere kleine Abteilung war fast zu schwach und die anderen Truppen weit hinter uns. Wie diese Nacht vorbei war, hat alles aufgeatmet. In dieser Nacht hatten wir viele Gefange gemacht. Schlimm ist auch der Krieg mit den Banden. Sogar die Frauen schießen auf uns. Aber immer erst, wenn wir diese Schweine im Rücken haben. Aber in diesen Fällen wird radikal durchgegriffen. Es geht eben alles in Flammen auf, und alles was Waffen hat, wird an die Wand gestellt.

Wie geht es bei Euch zuhause. Feindliche Flieger werdet Ihr ja kaum nach Nbg. bekommen. Dann ist es ja auch nicht weiter schlimm. Ein anderes mal schreibe ich mehr. Die Ruhepause ist um und weiter geht es.

Es grüßt Euch alle herzlich Euer Sohn Hans