Bamberg, 8. Mai 1938
8. Mai 2008
Liebe Eltern!
Habe am Freitag Euer Paket erhalten. Vielen Dank. War gerade Posten gestanden und habe es mir auf die Wache bringen lassen. Als ich abgelöst wurde, konnte ich wenigstens tüchtig vespern.
Letzte Woche wurden wir vom Rgt. Stab im Schreiben, Stenographieren und Maschinenschreiben geprüft. Stenographieren ging ja nicht mehr so richtig. Bin gespannt, ob diese Woche Bescheid kommt. Wenn nicht, hab’ ich eben wieder mal Pech.
Wenn Mutter einen 1a Reiter will, so kann Sie sich beruhigen. Reiten kann ich jetzt schon. Ich wäre froh, wenn ich jetzt irgend einen Posten bekäme. Gerade jetzt habe ich wieder eine Wut im Bauch, daß … Erstens habe ich schon wieder Dienst. Vom Freitag auf Samstag hatte ich Kasernenwache. Samstagnachmittag hab’ ich mich dann trotz der schönen Sonne in die Falle gelegt, nachdem ich zu müde war. Der Tag war also verpfuscht. Heute am Sonntag war Kirchgang, also wieder der Vormittag beim Kukuck. Und mittags bin ich auf Stallwache gezogen, wo gerade heute nach so langer Zeit der erste schöne und sonnige Sonntag ist. Die nächsten Sonntage sind sowieso beim Teufel. Die verdammten Zeiten im Stall haben mich auch schon wieder so hochgebracht, daß ich am liebsten zu den Radfahrern ginge, da diese wenigstens keine Stallwache haben. Ich bin froh, daß ich zur Pause wegtreten konnte. Mit den verdammten Stallwachen und Abendställen sind immer so viele Sonntage verpfuscht. Wäre nämlich gestern nach Hause gefahren.
Ist es mit Kohn tatsächlich so schlimm. Er soll wenigstens warten bis ich wieder frei bin. Im übrigen solln die fraglichen Herrn nur schaun, daß Sie für Euch auf anderen Banken Plätze finden, wenn der Kohn tatsächlich seine Pforten schließen sollte.
Vater soll nur mal nach Cham. Ich wollte, ich könnte dabei sein. Muß immer noch an das schöne Häuschen denken, wenn die Stimmung auch etwas getrübt wurde. Da kann Vater einwenig gärteln und dann richtig rollen. Da legt er sich auf’s Sofa im Herrenzimmer, schaltet den Radio ein, liest ein interessantes Buch und so nebenbei wird ein Pfeifchen geraucht. Doch ganz schön.
Das Reiten wird ja immer interessanter, aber was halt so d’rum und d’ran hängt, besonders die Stallwachen. Jetzt wird im Galopp über das Gelände gefegt, daß es nur so eine Freude ist. Dann wird wieder zu Pferd geklettert, dann gesprungen. Etwas Schöneres gibt es ja bald nicht. Allerdings ist das Gelände schon ein bischen gefährlich, da heißt es eben aufpassen. Es gehen schon ziemlich viele Pferde lahm. Am Freitag ist ein Reiter gestürtzt, allerdings aus eigener Schuld. Das Pferd geht lahm, der Reiter liegt in Nbg im Lazarett mit einem Schlüßelbeinbruch. Am Samstag war Besichtung. Unsere Gruppe mußte einen Angriff zeigen. Im Galopp ging es über das Gelände. Da stürtzt ein mit einem M. G. belastetes Pferd. Der Reiter kommt unter das Pferd zu liegen. Er kommt so ziemlich glimpflich davon. Das Pferd aber bleibt liegen. Es hatte das Genick gebrochen und war gleich tot. Es hätte aber auch umgekehrt sein können. Da hilft ja immer nur aufpassen und ein kleinwenig Glück. Trotzdem die Besichtigung gut ausgefallen ist, gibt es keinen dienstfreien Nachmittag.
Nun muß ich aber so langsam zum Schluß kommen. Ich weiß nicht mehr zu berichten. Laßt Ihr bei Gelegenheit etwas hören. Ich lege 1 M bei, die mir Mutter in Cham geliehen hat.
Es grüßt Euch alle herzlich Euer Sohn
Hans
Bamberg, 28. März 1938
28. März 2008
Liebe Eltern!
Sind nun seit Sonntag leider wieder in Bamberg. Wäre in Österreich doch viel schöner gewesen. Nun werdet Ihr doch auch gespannt sein, wie die ganze Sache verlaufen ist. Es ist ja schriftlich garnicht so zu schildern, aber ein kleinwenig will ich Euch doch erzählen. Wenn ich Sonntag heimfahren kann, komme ich. Ihr wißt schon, wenn ich Samstag bis 5h nicht da bin, habt Ihr mich nicht mehr zu erwarten.
Wir waren am Donnerstag (10.3.) grade eine Stunde zu Bett, als wir aus den Betten gezogen wurde. Alarm hieß es. Wir waren ziemlich brummig, zumal ich. Ich dachte, es wäre wieder eine Nachtübung. Wir mußten dann antreten und wurde unsere Aufstellung bekanntgegeben. Uns gegenüber hieß es, es sei Probemobilmachung unter Einbezug der Zivilbevölkerung. Und tatsächlich kamen bald die ersten Zivilisten. Allmählich kamen aber Befehle heraus, die einen doch stutzig machen mußten. Bis dann endlich doch bekannt war, es wird doch ernst. Trotzdem war die Stimmung überall sehr heiter, die Unteroffiziere allwerdings waren doch etwas bedrückt. Im übrigen war alles umgestellt, sogar einen anderen Chef bekamen wir. Um 8h mußten wir marschbereit sein. Wir wurden dann verladen und um 2h ging es dann Richtung unbekannt. Trotzdem rieten wir auf Österreich im Hinblick auf die Wahlen. In Nbg. Rangierbahnhof hatten wir noch längeren Aufenthalt. Dann fuhren wir mit der Bahn in der Weltgeschichte herum. Freitag Nachts hielten wir schon mal an der Grenze gegenüber von Braunau. Bis wir dann am Samstag um 10h in Freilassing ausgeladen wurden.
Dort hieß es dann: “Laden und sichern.” Jetzt wußten wir, was es geschlagen hat. Es wurde uns dann auch endlich bekanntgegeben, wie die Sache steht. Aber die Bevölkerung machte Augen, als sie uns so kriegsmäßig sah. Es wurde gleich aufgebrochen zur 13 km entfernten Grenze. In Lauffen an der Grenze war das letzte mal Rast.
Um 1/2 1h ging es dann über eine große Brücke über die Grenze in ein kleines Städtchen Oberndorf. Und da wurden wir Empfangen, nicht zu beschreiben. Der Jubel der Österreicher. Das Heil Hitler Rufen und Sieg Heil hörte nicht auf. “Ihr seids unsere Retter” so empfingen Sie uns. Wir brachten oft gar kein Wort hervor, so ergriffen waren wir. Unser Chef hielt eine kleine Ansprache und dann ging es weiter. Allerdings sollte uns noch ein kleiner Streich von Seiten der Kommunisten gespielt werden. Die Grenzbrücke war angebohrt und mit einer Sprengladung versehen. Eine halbe Stunde vor unseren Grenzübertritt konnten diese jedoch verhaftet werden.
Von unseren weiteren Marsch will ich nur das hauptsächlichste berichten. Unser erstes Quartier war in Obertrum, von dort schrieb ich ja. Wir mußten mit Stroh vorlieb nehmen. Vorher war ein Berg zu überwinden, der uns manchen Tropfen Schweiß gekostet hat. Ich war bei der Nachhut, also hinter dem Troß und hatte da manche Arbeit mit Diesem.
Die Landschaft imponierte mir vorallem. Ihr könnt Euch ja vorstellen, das Gebirge, zum großen Teil mit Schnee bedeckt. Uns überraschte auch noch einmal ein tüchtiger und eisiger Wintertag. Wir mußten ja manchen Berg überschreiten, aber ein Paß war doch das schlimmste. Er war an die 2000 m hoch und 1 1/2 bis 2 m verschneit. Pioniere mußten in fahrbahr machen. Sogar Zivil wurde dazu hergezogen. Und trotzdem war noch alles vereist. Vor dem Paß staute sich der gesamte Troß der verschiedenen Truppen. Derselbe mußte mit Zugmaschinen gezogen werden.
Ich mußte unterwegs mit einem Kameraden zurückbleiben, da wir kranke Pferde hatten. In einem notdürftig eingerichteten Lazarett in Pöcklabruck wurden diese ausgeheilt und nach 3 Tagen ritten wir der Schwadron nach. In Pöcklabruck hatten wir prima Privatquartier und Verpflegung bei einem Metzgermeister. Ich hatte ja meistens Privatquartier und war immer gut aufgenommen.
Sonntag vor 8 Tagen hatten wir noch eine Parade in Loeben und kamen dann abends nach Troßaiach ins Quartier. Auch wieder Privat. Dort waren wir bis Freitag. Nachts wurden wir dann in Loeben verladen und Sonntag früh um 4h waren wir in Bamberg.
Da ich nun doch Schlaf bekomme, muß ich schließen. Es wäre ja soviel zu berichten, aber ein Buch mag ich doch nicht schreiben. Hoffentlich kann ich nächsten Sonntag kommen, dann hört Ihr viel mehr.
Bis dahin grüßt Euch herzlich
Euer Sohn
Hans
Bamberg, 2. März 38
2. März 2008
Liebe Eltern!
Habe Euren Brief vom 24. Febr. erhalten und mich sehr gefreut. Aber warum glaubt Ihr denn immer gleich, ich sei krank. Das ist nicht der Fall. Mein Husten ist schon etwas besser. Ich nehme jetzt täglich Inspirol und hat schon geholfen.
Das Briefeschreiben verschiebe ich halt immer von einem Tag zum Anderen. Habe zur Zeit ein Buch von Ganghofer, betitelt ‘Der Rosenkrieg’ und Ihr wißt ja, wenn ich etwas zum Lesen habe, muß so manches zurückstehen.
Ein Teil der Besichtungen sind vorüber. Sie sind sehr gut ausgefallen. Der Fußdienst hat daher nachgelassen. Es sind nurmehr 2 Stunden in der Woche. Allerdings will uns da unser Uffz. tüchtig aufschwanzen und führt uns daher immer wieder aus dem Blickfeld der Anderen. Aber wir mögen überhaupt nicht mehr. Und machen kann er ja nichts, da er selbst reinfallen würde.
Dafür beginnt nun das Ausrücken. Die ersten Stunden sind bereits hinter uns. Aber da hättest mich schon sehen müßen. Wir lernen da das Säbelfechten zu Pferd. Im Grunde ist es garnicht so schwierig, wenn man nur acht gibt. Aber mein ‘Bock’, der ja sowieso schon zappelig ist, ist es jetzt umso mehr. Er ging andauernd vorne und hinten hoch und wollte mich abwerfen. Da ich mit gezogenem Säbel oben saß und also die Zügel nur mit einer Hand hatte, war es schon nicht zu leicht. Wenn er mich auch manchmal ganz toll herumwarf, ich hatte ihn schon sofest zwischen Schenkel und Knie, daß er wenig Erfolg hatte. Die Hauptsache ist, daß man den Säbel immer richtig hat, damit man den Bock nicht aus Versehen verletzt. Dann wurde noch das Pferde-führen geübt, das beim “Zum Kampf absitzen” in Frage kommt. Ich mußte da noch ein zweites Pferd führen. Es ging soweit ganz gut, als wir in Deckung ritten. Als es aber wieder zurückging, wäre ich beinahe falsch gelandet. Ich kam an die Spitze der Pferdehalter und mein Kamerad ging zu weit links ab und an den Abgesessenen weit vorbei. Da das rechts abbiegen ziemlich schwierig ist gelang es mir nicht und die ganze Meute natürlich frisch hinter mir drein. Ich konnte mich vor lachen bald nicht mehr im Sattel halten. Ich konnte dann aber mein Pferd nach links herumwerfen, da dies bedeutend einfacher ist und man kam doch noch an den richtigen Ort. Das Schöne war, daß die Anderen alles mir nachmachen mußten, da sie Ihre Gäule auch nicht mehr in Gewalt hatten. Zum Glück merkte der Gruppenführer nichts. Aber mit der Zeit geht alles.
Daß Ihr Euer Pflegekind noch habt, hätte ich mir eigentlich denken können. Ich bin bloß gespannt, wann Ihr es wohl losbringt. Ich glaube, daß die Kuni nur zu bequem ist, das Kind wo anders unterzubringen. Wenn ich Ostern nach Hause komme, ist die Bude hoffentlich frei, aber nicht nur über die Feiertage.
Von Rüdisbronn habe ich bereits ausführlich Bericht erhalten.
Der Faschingszug soll heuer einmal schön gewesen sein. Ist es tatsächlich so oder schreibt es nur die Zeitung? Hat man den Nürnbergern ein Bein raußreißen müßen, damit sie lachen konnten. In Bamberg wurde der Faschingszug abgeblasen, da in der ganzen Umgebung die Seuche herrscht. Am Dienstag hatte der ganze Standort nachmittags dienstfrei mit Außnahme unserer Schwadron. Wir hatten Gefechtsschießen. Nachts hatten wir dann bis 1h Ausgang. Wie auch am Sonntag so herrschte auch da noch reger Betrieb auf den Straßen. Das Pflaster sah man tatsächlich nicht mehr, so dicht war alles mit Confetti besät. Ich hatte mich in sehr vielen Lokalen umgesehen. Es war aber nirgends mehr unterzukommen, da ich schon zu spät dran war. Um 9h bin ich dann wie üblich im Adler gelandet und brauchte es auch nicht zu bereuen. Heute nachmittag war dienstfrei. Ich konnte aber nicht fort, da ich um 5h nochmals Dienst hatte und danach beschäftigt mich Euer Brief.
Joseph hat Euch auch besucht schreibt er mir. Und soeben erhielt ich eine Karte von Irmgard. Sie war anscheinend an Faßnacht mit Joseph im Zillertal. Auf der Karte hat anscheinend die ganze 4. Batterie unterschrieben. Der Irmgard vielen Dank für die Karte.
Vor 14 Tagen wollte ich die Liesl besuchen. Es wurde mir aber gar nicht aufgemacht. Vor 8 Tagen gelangte ich dann wenigstens in das Haus (Irrgarten wäre das gleiche), mußte dann aber erfahren, daß die beiden bereits Sonntag früh weggefahren waren. Will es nochmal am kommenden Sonntag probieren.
Euer Paket erwarte ich. Es macht mir schon jetzt den Mund wässerig. Werden Euch die Pakete nicht zuviel. Mir wird es fast selbst zu dumm, daß Ihr mich immer so viel versorgt. Aber leider kann ich nicht wie beim Arbeitsdienst nein sagen. Warum weiß ich selbst nicht.
Für heute will ich schließen. Es grüßt Euch alle herzlichst
Euer Sohn
Hans


